Ballettschule in brasilianischem Armenviertel: Tanz gegen Drogen und Teenieschwangerschaften – SPIEGEL ONLINE

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Maysa Barbosa Aben-Athar ist gerade von der Schule nach Hause gekommen, läuft in ihr Kinderzimmer, vorbei am Etagenbett, das sie sich mit ihren zwei Schwestern teilt, und setzt sich vor den Spiegel.

Sie streicht Kämmcreme in ihr Haar, bürstet es glatt und knotet es zu einem strengen Dutt. Unter dem Bett zieht sie ein goldgelbes, mit Federn verziertes Tutu heraus. 2000 brasilianische Reais, rund 440 Euro, hat es gekostet, das ist mehr als Maysas Mutter im Monat als Putzkraft verdient.


Maysa Aben-Athar macht sich fertig für den Ballettunterricht


Evgeny Makarov

Maysa Aben-Athar macht sich fertig für den Ballettunterricht

“Wir sind spät dran”, sagt Maysa und verlässt die kleine Wohnung in Richtung Rua Leopoldo Bulhões, genannt “Gazastreifen”, die zentrale Straße der Favela Manguinhos in Rio de Janeiro, wo Maysa seit ihrer Geburt vor elf Jahren wohnt.

Vom Straßenrand quillt der Müll auf die Fahrbahn der Rua Leopoldo Bulhões, Obdachlose schlafen in Holzverschlägen, andere sind offenbar auf Drogen, verwirrt, schreien oder liegen in merkwürdigen Positionen auf dem Asphalt. “Da vorne mussten wir uns in den Dreck werfen”, sagt Maysa. Wegen einer Schießerei, keine Ausnahme hier, die Favela Manguinhos ist bekannt für eine hohe Rate an Gewalttaten.

Auf dem Weg trifft sie weitere Mädchen, zwischen zehn und 13 Jahren alt, auch in Tutus. Gemeinsam gehen sie vorbei an den Jungs, den Schusslöchern, dem Müll, durch die engen Gassen von Manguinhos zu Daiana Ferreira de Oliveira, der Frau, wegen der sie diesen Weg zweimal die Woche auf sich nehmen.


Die Schülerinnen auf dem Weg zur Ballettschule. Weil Journalisten dabei sind, haben die Mädchen sich extra die schönen Ballettkleider angezogen


Evgeny Makarov

Die Schülerinnen auf dem Weg zur Ballettschule. Weil Journalisten dabei sind, haben die Mädchen sich extra die schönen Ballettkleider angezogen

Manguinhos ist ein Komplex aus mehreren Favelas, die bis zur Ununterscheidbarkeit zusammengewachsen sind. Das Straßenbild und die Aussichten sind hier an jeder Ecke gleich, in Maysas Alter fängt es an: Jungs gehen in den Drogenhandel, Mädchen werden schwanger von eben diesen Jungs.

Die Gewalt, die Aussichtslosigkeit, das Elend in den Slums von Rio de Janeiro sind – davon ist Daiana überzeugt – Resultate daraus, dass Jugendliche hier wenig Orientierung, Vorbilder und Perspektiven haben. Außer dem Drogenhandel. Deshalb schuf Daiana, 31, eine Alternative: eine Ballettschule in der Favela.

Verspätungen werden nicht geduldet, strengste Kleiderordnungen verlangt. Alles im Sinne der Disziplin. “Wir geben den Kindern keine Zeit zum Atmen”, sagt sie, “ich meine das positiv.”

Anfangs unterrichtete sie sechs Ballerinas, heute sind es 250 Mädchen und 400 auf der Warteliste. Die Schule wurde von der “New York Times” besucht, ein US-Philanthrop finanziert sie mit, eine ihrer Lehrerinnen studierte am Bolschoi-Theater in Moskau und die Primaballerina von Brasiliens wichtigstem Ballett ist Schirmherrin. Diese Aufmerksamkeit ändert aber nichts an der Realität des Ortes.

Daiana muss sich ständig den Regeln der Favela beugen, die der Drogenhandel verlangt. Häufig fragt sie bei den jeweilig “Zuständigen” der Drogengang um Erlaubnis, verschiebt Uhrzeiten oder Routen. Ihre Schule will Kinder dem Drogenhandel entziehen – und muss zwangsläufig auf ihn zugehen.


Daiana dos Santos, die Leiterin der Ballettschule


Evgeny Makarov

Daiana dos Santos, die Leiterin der Ballettschule

Auch an diesem Nachmittag muss Daiana erst um Erlaubnis bitten, um mit den Mädchen in ihren goldgelben Tutus durch die Favela spazieren zu dürfen. Man könne nie wissen, was den jeweiligen Chef stören könnte.

Die Mädchen sind bekannt hier, Daiana ebenso, oft wird sie auf der Straße angehalten, gefragt, ob es nicht noch einen Platz gibt für die Tochter, die Nichte, die Enkelin. Daiana kennt die meisten Anwohner seit ihrer Kindheit. Sie wurde hier in Manguinhos geboren, kommt, wie sie selbst sagt, “aus einer typischen Favela-Familie”. Der Vater hatte drei Frauen, Daiana wuchs mit drei Schwestern auf und hatte 15 Halbgeschwister, über die Favela verteilt. Auch deshalb, sagt sie, kenne sie jede Ecke in Manguinhos.


Eine Mutter bringt ihre Töchter zum Ballettunterricht


Evgeny Makarov

Eine Mutter bringt ihre Töchter zum Ballettunterricht

Daiana war sieben, als sie das erste Mal im Teatro Municipal war, dem wichtigsten Ballett Brasiliens, im Zentrum von Rio. Später gab ihr eine Bekannte in ihrer Freizeit Ballettunterricht, und nach der Schule studierte Daiana Sportpädagogik und machte nebenher eine Tanzausbildung – alles mit Stipendien, die die damalige linke Regierung unter Lula da Silva an arme Brasilianer vergab.

Nebenher arbeitete sie als Lehrerin für Jazz und Ballett bei reichen Familien in Rios Südzone und begann 2011 zudem kostenlosen Unterricht für die Kinder aus ihrer eigenen Nachbarschaft zu geben.


Ballettunterricht für die älteren Schülerinnen


Evgeny Makarov

Ballettunterricht für die älteren Schülerinnen

Daianas Mutter, eine Nachhilfelehrerin, schickte ihre Schülerinnen ins Ballett ihrer Tochter, aus der Überzeugung: Hauptsache, die Kinder treiben sich nicht in der Favela herum. Daianas Schule wuchs, Wartelisten ebenso; es folgten Auftritte, erst lokal, später in Theatern in der ganzen Stadt.

Ein Profifußballer von FC Botafogo, Jairzinho, erfuhr 2014 von Daianas Projekt und zahlte ihr zwei Jahre lang ein Gehalt, damit sie sich auf die Kinder von Manguinhos konzentrieren konnte.

Mit seiner Hilfe fand Daiana zudem für die mittlerweile 180 Schülerinnen einen Raum, eine Bibliothek im Tropeninstitut, ein staatlich geförderter Ort, zusätzlich bekamen sie Spenden von verschiedensten Quellen. Ihre kleine Ballettschule würde sich, danach sah es aus, hier fest einrichten.

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Ballett in brasilianischer Favela:
Disziplin, Stärke und Selbstbewusstsein

Doch 2017 trat Rios neuer Bürgermeister, Marcelo Crivella, ein Verbündeter des heutigen Präsidenten Jair Bolsonaro, mit dem Versprechen an, den Haushalt zu sanieren und begann seine Sparmaßnahmen bei Kulturprojekten in der Favela. Die Bibliothek inklusive der Ballettschule wurde geschlossen.

Wenige Tage später kamen die Kinder, mit Daiana, einem Schlosser und dem Versprechen der Drogengangs, sie in Ruhe zu lassen, zurück, knackten das Schloss und wurden für mehr als ein Jahr zur wohl einzigen besetzten Ballettschule der Welt. Der Staat akzeptierte die Besetzung, offenbar auch aus Gleichgültigkeit.


Blick auf die Favela Manguinhos in Rio de Janeiro


Evgeny Makarov

Blick auf die Favela Manguinhos in Rio de Janeiro

Und als das Ballett Manguinhos berühmter wurde, begannen Politiker sogar, Daianas Nähe zu suchen. Kurz vor der Gouverneurswahl 2018 tauchte eine Anfrage von ebenjenem Bürgermeister auf, der die Schule zuvor hatte räumen lasse. Er wolle sich, zusammen mit dem zur Wahl stehenden Gouverneur, eine Aufführung ansehen – eine grandiose Kulisse für die potenzielle Wählerschaft.

Daiana sagte zu. Und plante, diese Kulisse selbst zu nutzen. Sie ließ Tutus mit roter Farbe bespritzen, die Wände mit Ruß beschmieren, und als die politischen Gäste im Publikum saßen, tanzten die Mädchen kurz und fielen dann, eine nach der anderen, um und stellten sich tot. “Ballett Manguinhos ist kein Werbeprojekt für die Rechte”, sagt Daiana, “wir wollten ihm zeigen, was seine Politik bei uns ausgelöst hat.” Wenige Tage nach der Aufführung ließ der Bürgermeister die Bibliothek räumen und verriegeln.

So begannen die, wie sie sagt, schlimmsten Tage in Daianas Leben. Die Schule und ihre mittlerweile 250 Tänzerinnen waren obdachlos. Sie kamen tageweise unter, in Sambaschulen, Kirchenräumen, Gewerkschaftshäusern. In dieser Zeit war auch die “New York Times” bei Daiana, kurz nach der Veröffentlichung tauchten fremde Männer bei ihren Proben auf, wollten sie und die Schule kennenlernen.


Schülerin Thyffanny Almeida Ribeiro auf dem Weg zur Ballettschule


Evgeny Makarov

Schülerin Thyffanny Almeida Ribeiro auf dem Weg zur Ballettschule

Wochen später stellte sich heraus, dass sie Späher eines US-Philanthropen waren, der anonym bleiben will. Er gehört der Gruppe “The Secular Society” an, einer Vereinigung mehrerer Wohltäter, die sich um das Thema Frauenförderung bemühen. Er schrieb Daiana, sie solle ein Haus finden, er würde es kaufen und ihnen schenken. Und mindestens bis 2021 Gehälter zahlen, für Lehrerinnen, Administration, eine Psychologin und eine Putzkraft.

Und so ist die Ballettschule vor kurzem in ein vierstöckiges Gebäude am Rande der Favela gezogen, das früher ein Drogenrehabilitationszentrum war. Die Türen hat die Kirche gespendet, die Matten sind aus der Konkursmasse einer Jiu-Jitsu-Schule, das Laminat hat der Baumarkt verschenkt und das Klopapier bringen die Mütter der Schülerinnen selbst mit. “Wir leben von Gefallen”, sagt Daiana, “ein Leben am Beatmungsgerät.”

Im dritten Stock schweben Maysa und die anderen Mädchen übers Linoleum. Die Lehrerin läuft zwischen den Reihen entlang, drückt den Kindern die Rücken gerade, korrigiert das Spielbein, Kinn hoch, Nacken lang.


Maysa Aben-Athar und ihre Mitschülerinnen beim Unterricht


Evgeny Makarov

Maysa Aben-Athar und ihre Mitschülerinnen beim Unterricht

Maysa, die im Alltag extrem schüchtern ist, tanzt bereits seit vier Jahren in der Schulauswahl, der Elite des Ballett Manguinhos, und wenn sie tanzt, ist sie der Mittelpunkt. Das Ballett hat ihr Dinge ermöglicht, die hier nicht vorgesehen sind: Sie reiste per Nachtbus für eine Aufführung zum Winterfest in die Kolonialstadt Ouro Preto und flog nach São Paulo.

Doch die Chancen, jemals vom Tanzen leben zu können, sind wie überall auf der Welt gering. Ein Sprungbrett ist die Tanzschule des Teatro Municipal, sie gilt als die beste des Landes, zwei Ballerinas aus Manguinhos schafften die Aufnahmeprüfung vergangenes Jahr, in vier Jahren will es Maysa versuchen.

Aber auch dort gilt: “Von den 250 Mädchen werden vielleicht ein Dutzend mit dem Ballett ihr Geld verdienen, maximal eine Handvoll von ihnen als Tänzerinnen”, sagt Claudia Mota, die Primaballerina am Teatro Municipal und eine der berühmtesten Tänzerinnen Brasiliens.


Maysa schaut mit Daiana im Teatro Municipal von Rio de Janeiro eine Ballettvorstellung an


Evgeny Makarov

Maysa schaut mit Daiana im Teatro Municipal von Rio de Janeiro eine Ballettvorstellung an

Und trotzdem sei jedes Mädchen ein Erfolg. “Viele der Mädchen, die aus der Tanzschule kommen, machen später andere Dinge”, sagt Mota, “was aber bleibt, ist die Disziplin, die Stärke, das Selbstbewusstsein und die Präsenz.” Eigenschaften, von denen Daiana sagt, dass sie gerade jungen Mädchen in der Favela fehlen.

“Die Kultur der Favela ist vergiftet”, sagt Daiana. Gewalt, Verwahrlosung und Kinderarbeit seien die Norm. Ständig muss sie Notfälle bearbeiten: Zwei Mädchen fehlen seit zwei Wochen in der Schule. Daiana bekam ein Video zugesendet, worauf die beiden, 13 und 14 Jahre alt, mit den Dealerjungs beim Kokainschnupfen zu sehen sind.

Am nächsten Tag war Daiana den halben Tag am Telefon, weil die Polizei morgens um fünf in das Haus einer Schülerin mit dem Prellbock eingedrungen war, um ihren Bruder festzunehmen. Er ist jetzt auf der Flucht und das Haus verwüstet.


Mutter Elaine Almeida Ribeiro in der Favela Manguinhos. Die Schülerinnen treffen sich bei Thyffanny Almeida Ribeiro, um gemeinsam zur Schule zu laufen


Evgeny Makarov

Mutter Elaine Almeida Ribeiro in der Favela Manguinhos. Die Schülerinnen treffen sich bei Thyffanny Almeida Ribeiro, um gemeinsam zur Schule zu laufen

“Wir können weder Rio noch Manguinhos retten”, sagt sie. “Wir können nur Abstand schaffen.” Deshalb bringt Daiana die Kinder viermal im Monat ins Teatro Municipal, mehrmals die Woche ist Training. Jedes Wochenende gibt es Auftritte, Flohmärkte und Feste, bei denen alle Mädchen angehalten sind mitzuhelfen.

Eine Mutter habe zu Daiana einmal gesagt: Meine Tochter ist kaum mehr zu Hause. “Weißt du was ich antwortete?”, sagt Daiana, “das ist der Plan!” Gerade das Alter, auf das Maysa sich gerade hinbewegt, sei das wichtigste – am meisten gefährdet seien die Mädchen mit 14, 15 Jahren.

Deshalb sei die Schule so strikt, sagt Daiana. Und deshalb sei klassisches Ballett, dieser strenge, starr reglementierte, historische Tanz, genau das richtige für sie.

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